Poetisches Tagebuch

Poetisches Tagebuch

Die Gedichte der gereiften Kaiserin Elisabeth von Österreich sind Zeugnis einer verzweifelten, depressiven, missverstandenen Persönlichkeit, die sich in ihrer Isolation nur einem anzuvertrauen wagte: ihrem „Poetischen Tagebuch” und die damit ihrer Nachwelt einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben gestattete.

Verlassen
„Wie war ich einst so jung und reich
An Lebenslust und Hoffen;
Ich wähnte nichts an Kraft mir gleich,
Die Welt stand mir noch offen.

ich hat geliebt, ich hab gelebt,
Ich hab' die Welt durchzogen;
Doch nie erreicht, was ich erstrebt.
Ich hab und ward betrogen.”
(Gödöllö 1886)

An meinen Meister
„Es schluchzt meine Seele, sie jauchzt und sie weint,
Sie war heute Nacht mit der Deinen verreint;
Sie hielt Dich umschlungen so innig und fest,
Du hast sie an Deine mit Inbrunst gepresst.
Du hast sie befruchtet, Du hast sie beglückt,
Sie schauert und bebt noch, doch ist sie erquickt.
O könnten nach Monden aus ihr auch erblüh´n
so wonnige Lieder, wie Dir einst gedieh´n! -
Wie würde sie hegen, die Du ihr schenkst,
Die Kinder, die Du, Deine Seele getränkt.”
(Winterlieder: Wien, Januar 1887, ein Gedicht für Heinrich Heine)

An die Gaffer
Ich wollt´, die Leute liessen mich
In Ruh´ und ungeschoren,
Ich bin ja doch nur sicherlich
Ein Mensch, wie sie geboren.
Es tritt die Galle mir fast aus,
Wenn sie mich so fixieren;
Ich kröch´ gern in ein Schneckenhaus
Und könnt´ vor Wut krepieren.
Gewahr´ ich gar ein Opernglas
Tückisch auf mich gerichtet,
Am liebsten sähe ich gleich das,
Samt der Person vernichtet.
(Winterlieder: Cromer, Norfolk 1887)

An die Zukunftsseelen
Ich fliehe vor der Welt samt ihren Freuden,
und ihre Menschen stehen mir heut fern;
es sind ihr Glück mir fremd und ihre Leiden;
Ich stehe einsam, wie auf and`rem Stern...
(1887, Gedicht an „die Zukunftsselen”, wie Kaiserin Elisabeth die Nachwelt nannte)

An meinen Ehgemal
Sag´ an mein trauter Ehgemal,
Was willst du wohl bezwecken?
Mir däucht, zur allgemeinen Qual
Bleibt schier Dein Fuhrwerk stecken.
Das Es´lein, das Du vorgespannt,
Es kann schon nimmer weiter;
Zu tief hat sich´s im Dreck verrannt;
O, wär´ es nicht gescheidter,
Du fingest jenen edlen Gaul
Dort, auf der Weide,
Und zwängest ihm den Zaum in´s Maul,
Nicht morgen, nein nicht heute.
Schon einmal riss er aus dem Dreck
Dir den verfahr´nen Karren,
D´rum jag´ Dein dickes Es´lein weg
Eh´ man Dich hält zum Narren.
(Drittes Buch: London, April 1888)

Ich bin so scheu...
Ich bin so scheu wie meine Rehe,
Und wie die weisse Damhirschkuh
Entflieh´ ich, wo ich Menschen sehe
In meines Waldes grüne Ruh´!
Mein Wald! Im lichten Maienkleide
Vom Lenze blendend schier geschmückt,
Wie bist du meines Herzens Freude,
Wie macht mich deine Pracht verrückt.
Es ruft mir aus den Laubdachästen
Der Kuckkuck zu, mein alter Freund;
Wir treffen uns in Ost und Westen,
Und jeder Mai hat uns vereint.
Auch ich will so lange weilen
Als jener Fruchtbaum Blüten trägt,
Und in der Ferne einst enteilten,
Wenn er sein Brautkleid abgelegt.
(Ischl 1888)

An die Zukunfts-Seelen
„Ich wandle einsam hin auf dieser Erde,
Der Lust, dem Leben längst schon abgewandt;
Es teilt mein Seelenleben kein Gefährte,
Die Seele gab es nie, die mich verstand.”
(Poetisches Tagebuch S. 214)