Sisis großes Vorbild Heinrich Heine

Sisis großes Vorbild Heinrich Heine

Schon zu ihrer Jungmädchenzeit begann Sisi, ihre Gefühle, Gedanken und Erfahrungen in Gedichten festzuhalten. Ihr großes dichterisches Vorbild war zeitlebens Heinrich Heine (1797-1856), der damals umstrittene Satiriker und Lyriker, der nicht zuletzt wegen seiner scharfzüngigen Deutschlandlieder in der Öffentlichkeit für Aufregung sorgte. Kaiserin Sisi gefiel die Eigenwilligkeit Heines, sie bewunderte ihn für sein unangepasstes Leben und sah in ihm einen Seelenverwandten, ihren - wie sie ihn nannte - „Meister”. Während Franz Joseph das intensive Dichten Sisis als „Wolkenkraxelei” abtat, bestärkte Heinrich Heine die Kaiserin in ihrer Affinität zur Poesie.

Sisi traf ihren „Meister” zu spiritistischen Sitzungen, ließ auf Korfu einen Heine-Tempel errichten und glaubte, des Meisters Hand führe beim Schreiben der Gedichte die ihre: „Der Meister hat sie mir dictiert” - erklärte sie 1890 in ihrem poetischen Tagebuch. Laut testamentarischer Verfügung sollte ihr Werk jedoch erst 60 Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht werden, wenn niemand ihrer Zeitgenossen mehr lebendig sein würde. Darüber hinaus legte Elisabeth fest, dass der Ertrag der Veröffentlichung zum Wohle politisch Verurteilter (der österreichisch-ungarischen Monarchie) und deren Familien verwendet werden sollte.

Das poetische Tagebuch Kaiserin Elisabeths wurde letztlich erst 80 Jahre nach ihrem Tod der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hätte die kaiserliche Verwandtschaft zu Lebzeiten von ihren Gedichten erfahren, die von Enttäuschung, Verzweiflung, vor allem aber von Verbitterung und Spott geprägt sind, wäre es sicher zu einem Skandal gekommen.

Liebe Zukunfts-Seele!
Dir übergebe ich diese Schriften. Der Meister hat sie mir dictiert, und auch er hat ihren Zweck bestimmt, nämlich vom Jahre 1890 an in 60 Jahren sollen sie veröffentlicht werden zum besten politisch Verurteilter und deren hilfebedürftigen Angehörigen. Denn in 60 Jahren so wenig wie heute werden Glück und Friede, das heißt Freiheit auf unserem kleinen Sterne heimisch sein. Vielleicht auf einem Andern? Heute vermag ich Dir dies nicht zu sagen, vielleicht wenn Du diese Zeilen liest - Mit herzlichem Gruß, denn ich fühle Du bist mir gut,
Titania
Geschrieben im Hochsommer des Jahres 1890, und zwar im eilig dahinsausenden Extrazug

(Erklärung: Elisabeth feierte sich selbst in ihren Gedichten als Feenkönigin Titania aus Shakespeares „Sommernachtstraum” und identifizierte sich mehr und mehr mit ihr)